Wie er im Stich gelassen wurde und was von ihm erwartet wird!

Wie ich im Stich gelassen wurde und was von mir erwartet wird

Als er Ende des Jahres 2016 aus dem Flüchtlingsheim in eine kleine Stadt transferiert wurde, bekam er Hoffnung. Er dachte bei sich: Jetzt hat es begonnen – die Phase des Aufbaus eines neuen Lebens und die Zeit, in der ihm viele Möglichkeiten eröffnet werden, damit er sich eine Zukunft voller Erfüllung und Erfolg aufbauen kann.

In der kleinen Stadt angekommen, wurde er beim Sozialamt angemeldet, und ihm wurde das monatliche Unterhaltsgeld zugesprochen und ausgezahlt. Er wurde in einem Flüchtlingsheim untergebracht, in dem noch mehrere Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern lebten.

Tage und Wochen vergingen. Viele Fragen drehten sich in seinem Kopf:

Wann beginnt der Deutschkurs? Wie soll er Deutsch lernen? Wie soll er sich in die Gesellschaft integrieren? Wie soll er sich integrieren und Freunde finden? Soll er einen Beruf erlernen?

Wie beginnt also das Leben in diesem Land? Das war die Frage in ihrer komplexen und vollständigen Form.

Wochen vergingen, doch von einem Betreuer oder einer anderen Person, die ihm die richtigen Wege hätte zeigen können, war nichts zu sehen oder zu hören. Stattdessen hörte er enttäuschende Erzählungen darüber, dass er von einem Deutschkurs oder einem Betreuer für Flüchtlinge aus Afghanistan nicht träumen und dies auch nicht erwarten dürfe, da diese Möglichkeiten für Länder, die als „sicheres Land“ eingestuft wurden, nicht gelten.

Er brach zusammen, verlor die Hoffnung und die Orientierung auf ein gutes und erfolgreiches Leben. Er machte sich Sorgen um die Sprache, um einen Beruf und um seine Zukunft. Er war erst seit ein paar Monaten 18 Jahre alt.

Dennoch versuchte er, sich einen Deutschkurs zu sichern, sich in der Schule anzumelden oder einen Beruf zu erlernen. Erfolglos zog er sich zurück. Deprimiert, gedemütigt und orientierungslos verbrachte er die wichtigen Jahre am Anfang seines jungen Lebens.

Er wurde erwachsen, lernte die Sprache selbstständig und begann, sich für gesellschaftliche und politische Themen zu interessieren. Er lernte aus all den Jahren, in denen er sich allein gelassen fühlte. Er erlebte die falschen Entscheidungen, die politische Parteien und Politiker im Thema Migration getroffen hatten, am eigenen Leib und sah zu, wie seine Träume von einem guten Leben zerstört wurden.

Er kommt aus Afghanistan. 2016, als er noch im Flüchtlingscamp wohnte, las er eine Berichterstattung darüber, dass Afghanistan zu den ungebildetsten Ländern der Welt gehören solle. Im selben Jahr, Monate nachdem er in die kleine Stadt transferiert worden war, erfuhr er, dass Flüchtlinge aus Afghanistan nicht am Deutschkurs teilnehmen durften. Welchen Zusammenhang gab es zwischen der Berichterstattung über die ungebildetsten Länder der Welt und dem Ausschluss vom Deutschkurs?

Der erste Schlüssel, der die erste Tür zum neuen Leben hätte öffnen sollen, wurde ihm weggenommen. Der erste Schritt, der ihm die Integration ermöglicht hätte, wurde ihm verwehrt. Die erste Kraft zum Aufbruch wurde ihm durch die Einstufung seines Landes als sogenannt sicheres Land entzogen.

Wie viele Menschen wie er hatten sich Hoffnung gemacht und sich auf ein neues Leben vorbereitet? Doch als sie auf unfaire und nicht durchdachte Politik und Gesetze stießen, brachen sie zusammen, verloren ihren Mut und ihre Kraft, zogen sich deprimiert zurück und wurden bei der Integration in die Gesellschaft nicht unterstützt.

Er und Menschen wie er wurden im Stich gelassen. Niemand fragte sie, wie es ihnen geht, wie sie durch das Leben kommen oder welchen Beruf sie lernen beziehungsweise welches Fach sie studieren möchten. Sie wurden nie gefragt.

Viele Jahre später hört er von Politikern, Experten und statistischen Agenturen, dass die Integration der Flüchtlinge nicht wie erhofft gelungen und teilweise sogar misslungen sei.

Als Gründe dafür werden oft die hohe Zahl der Flüchtlinge und die schwache Anpassungsfähigkeit einiger Gruppen genannt – was für ihn lächerlich und absurd erscheint.

Von vielen Flüchtlingen wird erwartet, dass sie nach all den Jahren in Deutschland gutes Deutsch sprechen und sich in den Arbeitsmarkt integrieren. Diese Erwartung ist an sich korrekt und nachvollziehbar.

Doch sind solche Erwartungen gegenüber Menschen, die kaum oder gar keine Hilfe, keinen Deutschkurs oder andere Unterstützung erhalten haben, logisch und fair?

Für neu ankommende Flüchtlinge ist es möglich, in Deutschland zu leben – aber es ist ebenso leicht, hier zu scheitern. Es ist leicht, die Möglichkeiten zur Integration in die Gesellschaft und die Orientierung in ein neues, wohlhabendes Leben zu verlieren – durch falsche Entscheidungen, durch Verteilungen in Dörfer und Städte, die stundenlang von jedem Arbeitsmarkt und Arbeitsgebiet entfernt sind.

Es ist einfacher zu scheitern, obwohl man an der richtigen Tür steht.

Der Artikel dient der Kritik an Politikern und der Politik, an unfairen Gesetzen sowie an untersagten Deutschkursen für bestimmte Herkunftsländer, insbesondere damals für Flüchtlinge aus Afghanistan.